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Das Ende von Zweien

                           Der Feuerball

Glühend blickt der Feuerball auf mich. Und immer noch vermisse ich dich. Irgendwo unterwegs habe ich dich verloren. Damals habe ich es nicht gemerkt. Erst jetzt, da ich hier am Ende der Welt stehe merke ich es. Eigentlich wollten wir hier zusammen hin fahren. Doch du bist unterwegs ausgestiegen. Jetzt stehe ich hier allein, die Welt zu Füssen, doch all das bedeutet nichts mehr. Was bedeutet die Welt, wenn man sie alleine sieht?

Ich war nur noch ihr Anhängsel. Sie nur noch mit sich selbst beschäftigt. Ständig auf der Suche nach etwas. Doch wonach eigentlich? Vielleicht hat sie es mittlerweile herausgefunden. Ich weiß es nicht. Ich war es jedenfalls nicht. Das ständige Auf und Ab war nicht mehr zu ertragen. Immer musste ich sie auffangen. Und dann flog sie wieder davon bis zum nächsten Absturz. Dann lag sie wieder in meinen Armen, die ihr dazu bestimmt zu sein schienen, sie halten. Damals war das anders. Als ich sie kennen lernte gehörte sie mir. Es gab ein wir. Doch mit der Zeit wurde sie der dominantere Teil vom wir. Sie bestimmte wann sie kam und wann sie ging. Lange habe ich versucht sie zu erreichen. Doch die Mauer, die sie um sich baute wurde immer größer. Und ich wurde immer kleiner. Irgendwann kam ich nicht mehr zu ihr durch. Ich frage mich heute noch was geschehen ist, das aus diesem scheinbar lebensfrohen Wesen ein derart verängstigtes Wrack geworden ist? Klar habe ich Fehler gemacht. Ich war nicht immer nett zu ihr. Ich habe ihr nie gesagt dass ich sie liebe und dass sie mir etwas bedeutet. Aber das sollte sie doch gemerkt haben. Schließlich war ich meistens für sie da und habe mir Zeit genommen, die ich eigentlich nicht hatte. Bedeutet das eigentlich gar nichts?

Ich habe nicht gemerkt, wie sehr ich ihn verletzt habe mit meinem Verhalten. Ich war nur in dem Glauben, dass er das Ganze gar nicht Ernst genommen hat. Und da bekam ich Angst. Schließlich wollte ich nicht schon wieder verlassen werden. Mein Herz ist schon zu oft zerbrochen. Irgendwann kann man es nicht mehr zusammen flicken, weil jedes Mal ein Teil verloren geht. Doch wie oft kann ein Herz brechen? Kann es jemals wieder eins werden? Als ich ihn kennen lernte war es noch nicht wieder eins. Es war nur notdürftig zusammen geklebt. Aber ich hoffte wieder.  Zwar konnte ich mich noch nicht wieder fallen lassen, aber mit der Zeit, so glaubte ich, würde ich ihm vertrauen können. Niemals wieder jedoch wollte ich wieder der Teil einer Beziehung sein, der dem anderen Teil hinterher läuft. Denn in Beziehungen liebt der eine den anderen immer mehr. Einer ist immer derjenige, der auf das Klingeln des Telefons wartet. Der Teil war ich vorher. Ich hatte mich völlig aufgegeben und das endete damit, dass ich verlassen wurde. Seit damals hatte sich einiges geändert. Ich war nicht mehr der dicke Trauerkloss, der hofft, das sich jemand Samstagabend für ich  Zeit nimmt. Ich habe abgenommen, mich schick eingekleidet und ein neues Leben begonnen. Niemals wieder würde ich derjenige sein, der wartet. So ließ ich ihn warten. Ein Mann sollte nicht wieder Mittelpunkt meines Lebens sein. So dass ich im Fall einer Trennung nicht meine Mitte verlieren würde. Zu Beginn unserer Beziehung war er derjenige, der mir hinterher lief. Oft habe ich ihm abgesagt. Oft war es mir wichtiger feiern zu gehen. Oft war ich gemein zu ihm. Ich wollte ich nicht einmal mitnehmen. Schließlich wollte ich unabhängig bleiben. Das ganze war wie ein Spiel. Ich redete mir ein alles unter Kontrolle zu haben. Nie wieder würde ich der andere Teil sein, der leidet. Doch ich bemerkte nicht, was ich damit angerichtet habe. Irgendwann hörte er auf mich ständig anzurufen. Seltener lächelte er mich an. Und wenn wir zusammen einen Film guckten saß er immer öfters auf seinem Stuhl anstatt sich zu mir zu setzen.

Auf den ersten Blick schien sie der netteste Mensch der Welt zu sein. Ihr kindliches Gesicht lächelte die Welt an. Jeder mochte sie, und wo sie hin kam ging die Sonne auf. Ich liebte ihr Lächeln. Doch in Wirklichkeit lächelte sie nicht die Menschen um sich herum an, sondern sich selbst. Ihre Umwelt war ein Spiegel, indem sie sich selbst bewunderte. Fishing for compliments würde es auf neudeutsch am besten treffen. Sie liebt es geliebt zu werden. Aber sie selbst liebt nicht. Sie sieht in ihrem Gegenüber nicht den Menschen, sondern dessen Blick auf sie. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste, Klügste und Beliebteste im ganzen Land? Alles war nur Fassade. Wenn sie mich anlächelte, lächelte sie nur sich selbst an. Immer und überall musste sie sich profilieren. Und diese Besserwisserei! Alles wusste sie! Allerdings ohne irgendetwas wirklich zu wissen. Dieser permanente Dilettantismus machte mich wahnsinnig. Anfangs war das irgendwie noch niedlich, aber mit der Zeit sank mein Interesse an ihrer Meinung. Bis ich gar nicht mehr zuhörte. Irgendwie hatte ich resigniert. Ein Zustand von Apathie ließ unsere Beziehung dahin vegetieren.

Obwohl ich das nicht wollte begann ich mir Gedanken zu machen. Nachts lag ich auf einmal wach im Bett und vermisste ihn. Meine Gedanken kreisten mehr und mehr um ihn. Ich lag nachts im Bett als mir schlagartig bewusst war, dass ich ihn liebe. Das Stadium des Verliebtseins hatte ich übersprungen. Und mit der Liebe kam auch die Sehnsucht und die Angst. Plötzlich hatte ich Angst ich zu verlieren. Ich stand völlig unter Schock. Und da war wieder dieses ungute Gefühl. Mein Magen wurde flau und meine Kehle schnürte sich zu. Dabei wollte ich genau das vermeiden. Ich wollte emotional unabhängig sein. Das ging jedoch nur solange er das Spiel mitspielte. Doch er hatte die Regeln geändert und die Führung übernommen. Die Angst nahm mich nun völlig ein. Panik machte sich in mir breit. Die ganze Nacht lag ich wach. Zwischen meinen Träumen konnte ich kaum atmen. In meinen Träumen konnte ich es gar nicht weil ich erstickte. Einmal durch Ertrinken. Einmal durch Erwürgen.

Irgendwie hat sie sich dann geändert. Sie rief oft an und verwickelte mich in merkwürdige Gespräche. Warum ich keine Zeit hätte. Was sie mir eigentlich bedeute… Das alles begann mich zu nerven. Ich musste einsehen, dass wir zu unterschiedlich waren. Abends lag ich bei ihr im Bett. Um mir ihren nervtötenden Vortrag über irgendwelche Filmtheorien nicht zu Ende anhören zu müssen täuschte ich Müdigkeit vor. Allein die Art, wie sie da saß. Ihr überheblicher Gesichtsausdruck und der Müll, der aus ihrem Mund quoll machte mich wahnsinnig. Doch was sollte ich tun? Mit ihr zu schlafen war ja noch ganz nett. Weil ich angeblich müde war legten wir uns ins Bett. Doch ihre körperliche Nähe war äußerst unangenehm. Ich konnte sie nicht mehr anfassen. Ihr Atem raubte mir die Luft. Und da war wieder dieses ungute Gefühl. Mein Magen wurde flau und meine Kehle schnürte sich zu. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Ich drehte mich hin und her bis es plötzlich aus mir raus platze: „Ich kann nicht mehr. Ich glaube wir sollten dass an dieser Stelle beenden.“ Stille.

Jetzt legte er sich gar nicht mehr zu mir. Nach dem Sex stand er sofort auf und das Telefon klingelte gar nicht mehr. Einige Tage später war er bei mir. Wir gingen früh ins Bett weil er müde war. Ich konnte noch nicht schlafen. Er drehte sich ständig hin und her. „Ich kann nicht mehr. Ich glaube wir sollten dass an dieser Stelle beenden.“ Bewegungslos lag ich da. All meine Befürchtungen hatten sich erfüllt. Er könne nicht mehr mit mir zusammen sein. Er könne mir nicht vertrauen, ich sei egoistisch, ich habe ihn zu oft verletzt. Einige Sätze später begann ich zu weinen. Ich konnte ihn nicht sehen, da es dunkel war. Er nahm mich in den Arm. Wir redeten noch lange weiter. Ich lag noch in seinem Arm als er mich küsste. Wir schliefen noch einmal miteinander. Dann schliefen wir ein.

Als ich morgens aufwachte stand ich auf. Ich war völlig verwirrt. Ich war überrascht von meinem Entschluss sie zu verlassen. Zwar hatte ich sie schon länger aufgegeben, aber so konkret Schluss machen wollte ich auch noch nicht. Unerwarteter als mein spontaner Entschluss war ihre Reaktion. Dass sie das so sehr mitnehmen würde hätte ich nicht gedacht. Sie begann wieder zu diskutieren und zu weinen. Sie versuchte mich festzuhalten und mich umzustimmen. Ich musste raus.

„Ich geb dir noch eine Chance.“ Kam per SMS. Vor lauter Freude weinte ich. Jetzt werde ich alles anders machen. In den nächsten Monaten gab ich mir große Mühe. Erst schien alles wieder in Ordnung zu sein. Doch schon sehr bald war er wieder abweisend. Ich konnte tun was ich wollte, sein Herz war nicht mehr zu erweichen. Ich wusste, dass es zu spät war. Das Leuchten in seinen Augen war für immer verstummt. Keine  Nähe mehr. Nichts Nettes mehr. Diese Gewissheit machte mich krank. Ich wollte ihn wieder haben. Doch er war schon so weit von mir entfernt. Es tut mir alles so leid. Wenn ich das nur rückgängig machen könnte. Kann man nicht einfach noch einmal von vorn anfangen? Kann man seine Fehler denn nie wieder gut machen? Nein das kann man nicht. Fehler werden niemals wirklich vergeben. Schon recht nicht vergessen werden. Doch was soll ich tun?                                  Die letzte Zeit war ich körperlich angeschlagen. Ich war mit meiner Gesamtsituation unzufrieden. Und ich brauchte jemanden so sehr. Doch er war nicht da. Ich übte mich in Geduld, doch meine Angst stieg. Die Unzufriedenheit über meine körperliche Verfassung weitete sich aus. Mit Allem war ich unzufrieden. Mein Beruf war der Falsche. Alles was mir einst wichtig war mir nun zuwider. Diese Krise dauerte etwa drei Monate. Dann ging es mir körperlich besser. Ich fasste neuen Mut und alles schien wieder richtig zu sein. Dann fragte er mich ob wir nicht zusammen in den Urlaub fahren wollen. Nun schien alles wieder in Ordnung. Mir wurde bewusst, dass ich in den letzten Wochen kein angenehmer Umgang war. Doch jetzt würde es wieder bergauf gehen. Das wollte ich ihm unbedingt mitteilen. Ich wollte mich für mein Verhalten in den letzen Wochen entschuldigen und mich für seine Geduld bedanken. Außerdem hatte ich ihm etwas zum Geburtstag gekauft. Ich freute mich so sehr auf den Urlaub und wollte unbedingt mit ihm sprechen. Doch er ging nicht mehr ans Telefon. Als ich dann endlich erreichte war er sehr unfreundlich. Jeder ist mal schlecht gelaunt dachte ich mir. Doch die nächsten Male war es nicht anders. Zwei Wochen lang kam nichts. Vielleicht braucht er einfach Zeit redete ich mir ein. Insgeheim ahnte ich aber, dass es vorbei war. Ich wollte nur kurz mit ihm reden um ihm zu sagen, dass es mir wieder besser geht und dass ich von nun an wieder anders sein werde. Aber er wollte nicht mit mir reden. Doch ich bestand darauf. So kam er widerwillig vorbei und machte Schluss.

Und ich vermisse ich ihn so sehr. Die Art wie er lacht. Die Art wie er mich angeguckt hat. Ich kann einfach nicht mehr. Ich will ich zurück, doch ich habe endgültig alles zerstört.  Immer mache ich alles kaputt. Jetzt stehe ich hier am Ende des Weges. Der Abgrund liegt vor mir. Ich weiß nicht ob ich springen soll. Ich drehe mich um und schaue zurück. Doch der Ausblick ist zu schmerzlich. Zurück kann ich nicht. Etwas hat sich verändert. Ohne dass ich es wollte. Und ich kann es nicht mehr rückgängig machen. Ich kann nie mehr dorthin wo ich einmal war. Ich habe mich verändert und das macht mir Angst. Dass ich jemals noch einmal lieben kann glaube ich nicht. Mein Herz liegt hinter mir. Es ist unterwegs in tausend Teile zersplittert und kann nicht mehr zusammengesetzt werden. Zu oft ist es gebrochen. Und nie wieder werde ich der Mensch sein, der ich einmal war. Und ich schaue auf den Feuerball über mir. Und er lacht mich aus.

 

 

 

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