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               Die Katze und der Hund
 

Traurigerweise kann ich mich an keinen einzigen ersten Kuss mehr erinnern. Weder an meinen Allersten, noch an Deinen.
Wir haben uns damals kurz vor Beginn dieses grausam langen Winters kennen gelernt, der nie zu enden schien. Ich war wieder einmal randvoll betrunken. Ich kam grad aus dem Schwarzen Schaf und tauschte Nummer mit einem Typ aus, dessen Existenz mir nur dadurch geläufig ist, das Katrin mir von ihm erzählt hat. Er ging dann wohl wieder ins Schaf. Was genau ich dann tat weiß ich nicht mehr genau. Genau genommen weiß ich es gar nicht mehr.
Der folgende Teil wurde mir durch dein nicht so stark betäubtes Erinnerungsvermögen ergänzt:
 Ich war scheinbar auf der Suche nach Feuer, oder nach weiteren Kontakten, das jedoch werden wir wohl niemals heraus finden. Jedenfalls kamen wir kurz ins Gespräch, woraufhin du mich bald küsstest und ich den Kuss alsbald erwiderte. Was dann geschah weiß ich bis heute nicht, da deine Rekonstruktion des Abends sehr lückenhaft war.
Später befanden wir uns dann im nahegelegenen Dönerimbiß, zusammen mit Carolin und Katrin. Und da blitzt meine Erinnerung für eine Sekunde wieder auf. Ich habe ein Bild vor meinen Augen, auf dem ich auf einem dieser furchtbaren weißen Plastikstühle sitze. Am Nebentisch weitere lautstarke Menschen, die wie ich dem Alkohol nicht abgeneigt waren. Katrin bot mir ein Stück von ihrem Döner an. Ich jedoch, da ich nicht allzu verfressen wirken wollte, lehnte ab. Nun folgt eine weitere Lücke.
     Irgendwann später sind wir mit dem Taxi zu mir gefahren. Wie du sagst hast du zu diesem Zeitpunkt unglaublicherweise noch gar nicht gemerkt, wie voll ich war! Die Erkenntnis jedoch ließ nicht allzu lang auf sich warten. In meiner Wohnung angekommen setzte ich mich auf mein neues blutrotes Sofa, das ich einige Wochen zuvor voller Stolz und nach ausgiebiger Suche, im Möbelhaus Finke bestellt hatte, und kotze. Ich entleerte meinen alkoholgeschwängerten Mageninhalt auf das dazu gehörige, orientalisch verzierte Dekokissen, auf die Rücklehne, und auf die Sitzfläche.
Noch heute frage ich mich, warum ausgerechnet du nach dieser Nacht bei mir geblieben bist, du der so kontrolliert, kontrollierend, wertend und verurteilend bist. Du, der Mann, welcher nie mehr als drei Bier trinkt, wenn überhaupt. Du, der jeden morgen, und sei es Neujahr oder der erste Weihnachtstag, pünktlich wie ein Uhrwerk aufsteht. Du, derjenige der niemals im Kino Süßigkeiten oder etwas zu trinken kauft, weil so etwas einfach nicht sein  muss. Und schließlich, um der netten Aneinanderreihung von Parallelismen noch eine weitere hinzuzufügen, du der immer nur die Brötchen vom Vortag kauft, weil man die schließlich auch noch einmal aufbacken kann. Der Mann, der sich nie gehen lässt und immer rational handelt. Zumindest bis zu diesem Tag. Das ausgerechnet wir zueinander fanden kommt einer Naturkatastrophe gleich.
“Hey“, sagte die Katze zu Hund:” ich mag dich.”
So saß ich auf meiner neuen roten Couch in meinem kleinem Appartement in der Marientalstraße und übergab mich. Aber noch nicht genug des Guten. Ich stand auf mit der Absicht auf Toilette zu gehen. Dort angekommen muss ich irgendwie gefallen sein.
Jedenfalls deutete der zertrümmerte Abzug der Toilettenspülung, den ich am nächsten Tag vorfand, daraufhin. Hinzu kommt, dass das kleine Badezimmer, ca. 5 qm groß, grad groß genug um sich zwischen Toilette Dusche und Waschbecken zu drehen, unter Wasser stand.
Ich war so zugedröhnt mit meinem heiß geliebten Long Island Ice Tea, der im Schaf in 0,65 Liter Pötten für nur 5 € verabreicht wird, dass ich völlig vergaß, dass sich in meiner Wohnung ein mir fast unbekannter Mann befand. Dieser war in der Zwischenzeit müde geworden und hatte es sich in meinem Bett bequem gemacht. Nun kam ich, völlig entleert, aus dem überflutetem Badezimmer, entschied schlafen zu gehen, zog mich bis auf die Unterhose  aus und legte mich neben den fremden Mann, den ich aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse und des erhöhten Alkoholpegels nicht mehr registrierte, ins Bett und schlief ein. So haben wir in dieser ersten Nacht nicht miteinander geschlafen.  Das bedeutet, dass ich mich immerhin an unseren ersten Sex erinnern kann.
Der fand am nächsten morgen statt. Ich weiß nicht mehr viel davon. Es war auch nicht besonders gut. Eher schlecht. Sehr mechanisch. Es war halt dringend mal wieder Zeit. Rein. Raus. Rein… In sehr kurzen Intervallen. Ich lag auf der linken Seite und du auf der Rechten. Du küsstest mich hektisch, fordernd. Mein Gott was muss ich gestunken haben! Ich trug nur noch meinen Slip. Du griffst nach meinen Brüsten und knetetest sie grob. Wie ein Bäckerlehrling, der schnell noch den Teig fertig machen muss, bevor der Meister zurück kommt. Dann war der Bauch dran. Zack. Einmal alibimäßig mit der Hand von Norden aus drüber fahren um möglichst schnell zum Südpol zu gelangen. Dort angekommen wurde an meiner Hose gezupft und die Expedition zum Mittelpunkt der Frau in Rekordzeit fortgesetzt. Mein rechtes Bein auf deiner Hüfte. Meine Hüfte umkrallt von deinen Händen. Und dann rein, raus, rein, raus mit der Geschwindigkeit und Regelmäßigkeit einer Nähmaschine. Und fertig. Tor!
Sehr romantisch unsere Begegnung, unser erster Sex. Ich fand dich nichtmals sonderlich attraktiv. Für mich war nur interessant, dass du Kunst studierst. Aber deine Persönlichkeit an sich oder dein Auftreten wirkten auf mich nicht besonders anziehend. Wär ich nicht so betrunken gewesen, hätt ich dich wohl kaum mitgenommen und dich mit Sicherheit nicht näher kennen gelernt.
Umso so überraschender dann waren all die Gemeinsamkeiten die wir im Laufe des Tages herausfanden. Wir gingen nach Subway zum Frühstücken. Wir arbeiteten den üblichen Fragenkatalog ab. Welche Bücher liest du? Welche Musik hörst du? Willst du in Münster bleiben? Welche Filme magst du? In fast allem stimmten unsere Vorlieben überein!
Für gewöhnliche Menschen mag das schön sein. Für uns aber, die war allzu spezielle Leidenschaften hatten war dies grad zu spektakulär.
Nie zu zuvor traf ich jemanden, mit dem mich soviel verband. Natürlch kannte ich auch Menschen, die Kafka lasen, oder Jim Jarmusch Filme guckten, Menschen, die Bob Dylan hörten, oder Studenten die sich für zeitgenössische Kunst interessierten. Aber einen Mann, der darüber hinaus auch ins Theater ging und all das in einer Person vereinte. Der eine ähnlich arrogant pessimistische Weltanschauung hatte und sich von all dem Abgründigen fasziniert war. Nein, das kannte ich nicht. Besonders überraschend war seine Frage, ob ich den Film Paris, Texas von Wim Wenders kenne, da ich diesen am Tag zuvor bei Thalia gekauft hatte. Lange Zeit schon wollte ich den Film sehen, und jetzt im Nachhinein muss ich sagen, dass mir dieser einer meiner Liebsten ist. Filminteressierten ist dieser Film mit Sicherheit ein Begriff, aber das war ein sehr großer Zufall. Einer von vielen weiteren im Lauf unserer Zeit, die nun leider abgelaufen zu sein scheint.
 

1 Kommentar 8.12.07 02:37, kommentieren



“All the truth in the world adds up to one big lie” ( Bob Dylan, Things have changed)

Hier im Tal der Wölfe ist alles ganz besonders trostlos.
Keine Hoffnung.  Keine Bildung. Und niemand hat mich lieb!
Auge um Auge. Zahn um Zahn.
Du liebst mich nicht. Also hasse ich dich auch. Hier im Hinterhof der Hölle.
Die gleichen Ausreden und Parolen wie überall. Ich bin nichts, aber ich bin Türke.
Das ist alles was ich habe.
Und gestern hat der Prediger mich wieder gelobt. Das tut die Frau vom Sozialamt nie.

Der Führer der freien Welt hat andere Probleme. Aber er will keinen Streit mit dem
Reich der Mitte wegen der Religion der Erleuchteten.
God´s chosen country collaboriert lieber mit dem neuen Chef vom Nabel der Welt, der auch für alle Probleme der Welt eine einfache Lösung weiß. Der wird sich jetzt mal so richtig durchsetzen. Aber was tun wenns brennt?

The land of the brave hingegen setzt sich für das auserwählte Volk ein, damit es auch eine Chance gegen die Statuten des Heilgen Krieges hat, die uns an die eigentlichen Werte erinnern wollen.
Ach, wenn das der Führer noch mit erlebt hätte! Wenn der nur nicht in Russland einmarschiert wäre.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. History repeats itself und alles bleibt anders. Wozu noch all der Politktalk?

1 Kommentar 8.12.07 03:09, kommentieren