Der Fährmann

                                

Ein neuer Mensch bin ich nun. Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht liegt es an dir, mein Schatz. Mit Sicherheit aber liegt es an Beidem. Ich bin nicht mehr der, welcher ich einmal war. Nun bin ich, der ich noch nie war, der den ich nie gekannt, der den ich nie erhofft und der, welcher mir sonst von der andren Seite zu winkte. Ich habe ihm nie zurückgewunken. Stets ängstigte er mich, der mysteriöse Unbekannte.. Ich wagte es nicht einmal. Allein der Gedanke… Nun habe ich ihn  mir geschnappt. Oder er mich. Wie auch immer.

Ich war auf dem Weg nach Hause. Draußen war es schon kalt und wieder regnete es. Wieder stand er unter der Brücke. Kaum zu erkennen, umhüllt von der Dunkelheit. Wieder winkend. Doch diesmal war alles anders. Hypnotisiert ging ich über die Straße. Magisch, wie ein Magnet zog er mich zu sich. Ich rannte fast. Er packte mich, seine Arme umklammerten mich stark, dass ich mich gar nicht hätte befreien können. Ich versank in  einem langen Kuss. Unser Speichel floss ineinander und verschmolz zu einem kochenden Sud. Fast vergewaltigt haben wir einander. Warum? Kann ich nicht sagen. Warum nicht traf es eher. Wohin gehen in der Sackgasse, in welcher ich mich zuvor verirrt? Eigentlich keine Sackgasse, sondern eine Straße, in der die Ausgänge entweder zugenagelt oder bereits beschritten und zurückgekehrt. Und immer wieder zurück an dieselbe Stelle.

Wenn du durch diese Straße fährst mein Schatz, und alles gegangen oder nicht gehenswert oder nicht begehbar erscheint, wenn dein Tank bereits auf Reserve und dein Motor zu ruckeln beginnt, dann, so lass dir gesagt sein, mein Schatz, dann wirst auch du von diesem niemals endenden Highway  auf den kleinen unbefahrbaren Pfad abbiegen. Dann wirst auch du aus unserem neuen Golf aussteigen und zu Fuß gehen. Du wirst nicht wissen warum. Aber wenn du diesen Punkt erlangest wüsstest du: Warum nicht? Und wenn du dann an einem Baum hochkletterst wirst du sehen, dass  du die ganze Zeit im Kreis gefahren bist. Und zwar nicht nur die letzte halbe Stunde lang, sondern bereits dein ganzes Leben lang. Vor lauter Schreck fällst du dann vielleicht vom Baum und knallst auf den harten Boden der Realität. Und du dachtest das Leben sei hart?! Dabei bist du noch nicht einmal vom Baum gefallen!

 Ich jedenfalls bin abgebogen auf den Pfad und lies das Auto stehen. Ich erstieg den Baum und hielt inne. Betrachtete die Irrwege der Menschheit. Plötzlich sah ich das Labyrinth von oben und alles simplifizierte sich. Der Weg war nun reduziert auf den Weg. Alle Subjektivitäten waren von hier oben nicht mehr zu erkennen. Das Lob der Einfachheit jedoch ist bitter und schwer verdaulich. So zog mir diese Überdosis Bewusstsein das Blut aus den Adern und alles begann sich zu drehen. Ich klammerte mich an den Baum der Erkenntnis wie ein Ertrinkender an irgendetwas. Ich wollte hier bleiben. Meine neu gewonnene Position im Gefüge der Welt wollte ich nicht wieder aufgeben, doch ich fiel. Und ich fiel hart, auf den Boden der Realität. Irgendwann wachte ich wieder auf. Angst machte sich in mir breit.  Schließlich konnte ich nicht immer auf dem Baum sitzen. Aber mir wurde klar, dass dies auch nicht erforderlich war. Der Einblick in den Lauf der Dinge würde sich für immer in mir fest brennen.

Ich hatte einen neuen Level erreicht. Und wenn man das einmal erreicht hat, kann man nie, aber auch wirklich niemals wieder zurück. Ob man will oder nicht. Irgendwann würde ich erkennen, dass der Berg der Erkenntnis nicht unbedingt der Pfad der Glückseeligkeit war. Ich würde versuchen mit meiner neuen Erkenntnis in mein altes Leben zurückzukehren. Doch schon bald würde ich feststellen, dass zwar alles gleich geblieben trotz dessen aber fremd sein würde. Dieselben Gespräche, dieselben Leute, doch alles kotzte mich an, erschien scheinbar unerträglich. Ein gewisses Gefühl der Überheblichkeit machte sich in mir breit. Nun durfte ich nicht denn Fehler machen mich als den Quell der Erkenntnis zu verstehen, schließlich hatte sich mein lächerliches kleines Dasein nur um eine Stufe erhöht. Später würde ich noch öfters einen Baum oder Berg erklimmen und nicht nur das Labyrinth durchschauen, sondern erkennen,  das es nur eines von vielen war, Teil eines noch größeren Systems, welches wiederum Teil eines noch größeren Systems…

        Doch wo war das Ende? Gibt es das überhaupt? Vielleicht werde ich eines Tages aus der Höhle kriechen und die Sonne sehen. In der Zwischenzeit aber kletterte ich wieder auf den Baum. Ich beobachtete die Menschen. Emsig und dumm wie die Ameisen tummelten sie sich durch das Labyrinth. Ich beobachtete einige genauer.  Sie liefen vor, zurück, wieder und wieder und wieder. Schien sie aber auch nicht weiter zu stören. Ich glaube, sie dachten nicht einmal richtig darüber nach. Viermal links. Ohne zumerken, dass sie nun wieder an derselben Stelle standen. Und wieder von vorne. Einige jedoch blieben zwischenzeitlich stehen. Sie standen an einer Weggabelung und überlegten ob sie links oder rechts gehen sollten. „Geradeaus!“, schrie ich, doch sie schienen mich nicht zu hören. Die Ameisen werden, solange sie nicht versuchen den Lauf der Dinge zu erkennen nicht verstehen, dass sie in einem Labyrinth sind, und sich somit die Chance verbauen einen Ausweg zu finden. Manche werden durch Zufall auf den Ausgang stoßen, aber eher selten. So versuchte ich lange,  die Ameisen aus dem Labyrinth zu führen. Doch sie wollten nicht. Ohne die innere Bereitschaft keine Chance.

Desillusioniert stieg ich wieder vom Baum und hörte auf zu schreien. Sie ändern sich nie und mit ihnen und mit ihnen auch nicht die Welt. Weder morgen, noch gestern, geschweige denn heute. Wir können unsere Position in der Welt ändern, niemals aber den Lauf der Dinge. Jeder Versuch würde scheitern. Und sollte es doch irgendwann irgendwem gelingen, was dann? Das Ende dieser Welt? Der Begin einer neuen Ära? Leider war der Baum nicht hoch genug, um zu erkennen was dann. Wieso aber konnte ich der ewigen Tretmühle kurzzeitig entweichen? Ich hatte zwar schon lange auf etwas gewartet, ohne zu wissen worauf.

Und dann war es da. Ohne zu wissen warum.

Der Unbekannte war es, der mich veranlasste an dieser Straße zu halten. Er wies mir den Weg, der zuvor vernebelt. Er half mir auf dem Baum, indem Moment als ich die Straße überquerte und mich ihm mit ihm vereinigte. Ich verschmolz mit dem Unbekannten und  entledigte mich meiner alten Schutzkleidung. Völlig nackt, nackter als ich es je war, nackter als jedes Aktmodel es je war ging ich über die Straße. Er hatte mich mit seinen Augen ausgezogen. Stück für Stück entzog er mich meiner Hülle. Ich jedoch wehrte mich nicht. Ahnungslos stand ich vor ihm. Nicht wissend was er beabsichtigte. Doch das war auch nicht wichtig.

Zuvor alles in Frage stellend, nicht ohne Grund agierend. Fokussiert auf die Vernunft. Stets emanzipiert, selbstbestimmt und rational, ich ließ etwas geschehen. Kontrolle, Sicherheit und Vernunft, welche zuvor dominant, waren nur noch sinnleere Konstrukte ohne jeglichen Stellenwert. Ich hörte sie rufen. Doch ihre Stimmen wurden immer leiser und wurden von der eintretenden Zuversicht geschluckt. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich etwas tun zu müssen. Und das auch noch ohne zu wissen warum. Es war einfach richtig. Einfach so. Kaum zu glauben. Da plant und philosophiert, ergründet und sinniert der Mensch sein ganzes verfluchtes Scheißleben lang und dabei ist alles so einfach. Nachdem wir uns begegneten entledigte sich mein gegenwärtiges Ich meines vergangenen Ichs und die Zukunft hatte begonnen. Frei! Das ist es was ich jetzt war. Frei von allen Konventionen, Ängsten und Sicherheiten. Mein altes Leben war nun vorbei. Für Außenstehende mag sich nichts geändert haben. Mein Alltag blieb nicht unähnlich. Eigentlich hatte er sich nur innerlich geändert.  Ein rudimentäres Gebäude, in dem ich noch immer wohnte. Aber zuhause war ich hier nicht mehr. Eine neue Wohnung hatte ich auch noch nicht. Vielmehr führte ich von nun an das Leben einer Katze, die abends vorbei kam und sich etwas Milch holte. Nur zu Besuch.  Ich war von einem Hund zur Katze mutiert. Vom treuherzigen Sklaven zum wildernden Vagabunden. Vielleicht war ein  Adler die Endstation oder vielleicht gab es gar keine. Zumindest habe ich keine Angst mehr zu klettern, da ich mit allen Vieren auf dem Boden lande. Die damaligen Ereignisse formten mich neu. Allerdings war ich nun leer. Die sinnentleerte Katze schaute den bedeutungsschwangeren Hund noch hinterher. Wehmut keimte auf. Zwar wollte sie kein Hund mehr sein, doch vermisste sie das Völlegefühl. Sie zog los um etwas zu fressen zu finden. Etwas, das sie nährte. Schon bald fing sie eine Maus. In der Absicht sie zu fressen spielte sie mit ihr. Anschließend der Akt des Konsums. Übelkeit. Wer frisst produziert Scheiße und verfettet.

Vielleicht sollte die Katze lieber mit der Maus spielen. Schließlich war sie eine Katze. Von nun an konsumierte ich meine Umwelt nicht mehr. Ich spielte mit ihr. Atmete sie ein. Atmete sie aus. Nicht mehr inhalieren, nur noch paffen. Schließlich wollen wir nicht an Lungenkrebs sterben. Alles einatmen. Alles schmecken. Aber nichts mehr runterschlucken.  Nichts mehr den üblichen Verdauungsweg passieren lassen: Konsum, Zerteilung, Kategorisierung, seinen eigenen Saft hinzufügen, einen Teil für uns behalten, der uns beschwert und unsere Arterien verkleistert den Rest, zur Scheiße deformiert abstoßen. Langsam geistig und körperlich fetter, aber träger werdend, bis wir Sklaven unserer selbst sind. Gefangen in einer Hülle von Konsumabfall während wir nur Scheiße von uns geben. Meine geistige Hülle war nun abgestreift. Die Körperliche war noch da. Umarmt vom etwas Fremden. Nicht mal sein Gesicht kannte ich. Hingegeben hatte ich mich, ohne zu sehen, ohne zu fragen, ohne zu wissen. Keinen Gedanken an dich mein Schatz. All die Jahre vergessen für den Moment. Er sog all das fettige Gift hinaus und hinterließ nur Reste meiner Hülle. Entleert und befreit stand ich vor ihm. Bereit alles zu tun. Jegliche Bindung gelöscht. Auch dein Bild mein Schatz war nur noch ein verblasstes altes Foto auf dem Dachboden meiner Erinnerung. Ein Relikt vergangener Tag. Ein Relikt eines früheren Lebens. Ein Bild ohne Leben. Kein Teil mehr von mir. Nur irgendein Bild. So stand ich vor ihm. Wie einst Vergil den Dante an die Hand nahm, so würde er mir das Universum anders zeigen. Mein ganzes Leben in seinen Händen. Nie hatte ich größeres erlebt. Alles Andere verlor an Bedeutung. Ich war bereit mit ihm von der Brücke zu springen. Doch wer ist er eigentlich? Realer Mensch? Irreales Symbol? Ausgeburt meiner Fantasie, Sohn einer Mutter oder eine Offenbarung Gottes? Ich weiche zurück und betrachte ihn. Mysteriös. Groß. Kräftig gebaut. Ganz in Schwarz. Eingehüllt von der Dunkelheit. So oft hatte er gewinkt, doch immer neigte ich den Blick schamhaft zur Seite. Doch jetzt war alles egal. Ich betrachte seine Beine. Höher wandert mein Blick. Jedes Detail seines männlichen Körpers sauge ich in mich auf. Dann betrachte ich seinen Hals, sein Kinn, seinen Mund,…Meine Erregung steigt sprunghaft an. Ich kann mich kaum noch halten. Jede Faser meines Körpers will ihn. Nicht aber auf eine banale, sexuelle Weise, ausgerichtet auf den körperlichen Akt.  Das hier ist größer als Alles, größer und allumfassender. Größer, als das mein Verstand es je  in Worte fassen könnte. Mein Blick wandert zu seinen Augen. Kaum erkennbar sind sie. Nur ein kleines Funkeln in der Dunkelheit. Die Gesichtszüge des Unbekannten, der mir doch bekannter als jeder andere erscheint, sind kaum zu erkennen. Doch sie erinnern mich an Irgendetwas. An irgendwen. Da tritt er aus dem Schatten der Brücke. Mondlicht überflutet sein Gesicht. Und dann die Erkenntnis: Du bist es. Du warst es die ganze Zeit mein Schatz. Ich habe dich nur nicht erkannt. Du warst es immer. Du bist der Grund. Du bist das Warum nicht, du bist warum ich auf den Baum kletterte, von dem aus ich die Irrwege durchschaute. Du führtest mich aus dem Labyrinth. Jetzt wird mir bewusst wie sehr ich dich liebe. Dein Gesicht lächelt mich an. Mein Gesicht lächelt dich an. Du lächelst zurück. Zuviel. Wieder falle ich. Liege dir zu Füssen. Meine Hülle in sich zusammengesackt. Nur noch ein winziges, unbedeutendes Häufchen, das dir zu Füßen liegt. Dann Dunkelheit.

Ich wache auf aus diesem allzu realem Traum und erwache in einer surrealen Welt deren Antlitz für mich nie wieder dasselbe sein wird.

 Helligkeit. Es ist Morgen. Die Sonne geht auf. Ich drehe ich mich zu dir, mein Schatz, mein mysteriöser Unbekannter, doch du bist nicht mehr da. Und ich weiß, du wirst es nie wieder sein. Ich weiß nicht warum. Ich weiß nur warum nicht. Grad erst habe ich dich gekannt. Noch einige Stunden liege ich regungslos im Bett und starre auf das Loch, das du auf der Matratze hinterlassen hast. Doch auch Löcher verschwinden irgendwann. Noch einige Stunden und einige Tage liege ich so. Dann wird alles dunkel. Mein Bewusstsein entgleitet mir.

Ich liege wieder auf der kalten, verregneten Straße unter der Brücke. Befreit und ausgesaugt hast du mich. Meine Hülle liegt nackt im Regen. Immer noch Nacht. Es ist immer noch dunkel. Wieder erkenne ich deine große, dunkle Gestalt über mir. Du drehst dich um. Langsam entfernst du dich von mir in großen Schritten. Fast in Zeitlupe. Die Dunkelheit saugt dich auf. Jetzt bist du weg. Ich sehe dich nicht mehr. Ich werde dich nie mehr sehen. Höre dich noch rufen: „Ich bin nur der Fährmann!“

Dunkelheit.

25.4.08 02:38

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